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Andacht, Karfreitag 10.04.2020

Liebe Gemeinde, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

im Lukasevangelium Kapitel 24 steht die Emmausgeschichte. Es ist eigentlich eine Ostererzählung. Aber es gibt kein Ostern ohne Karfreitag. Lesen Sie nur mal die Verse 13 – 27:

Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen.  Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu ihnen: „Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs?“ Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete: „Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist?“ Und er sprach zu ihnen: „Was denn?“ Sie aber sprachen zu ihm: „Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden's so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.“ Und er sprach zu ihnen: „O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?“ Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war. 

Zwei Jünger unterhalten sich auf ihrer Wanderung von Jerusalem nach Emmaus über die Katastrophe von Jesu Tod. Sie sehen nur die Katastrophe, die völlige Sinnlosigkeit. Der Mensch, der dazukommt – sie erkennen Jesus nicht – deutet das Geschehene. Er ordnet alles ein in einen größeren Zusammenhang. Im Grunde sagt er „es musste so sein“. Das ist keine Erklärung im eigentlichen Sinn. Er stimmt lediglich in das Geschehene ein. Er rennt nicht mehr dagegen an.

Wir reden in diesen Tagen vor allem vom Virus. Von der Epidemie. Von der Katastrophe, die Menschen ganz unterschiedlich trifft. Zunächst die Kranken. Vor allem die Todkranken. Die Verstorbenen. Und dann auch Menschen, die um ihre Existenz bangen. Und die nur schwer mit den Einschränkungen klarkommen.
Ich höre gelegentlich, dass Jemand laut nachdenkt über den „Sinn dieser Epidemie“. Sogar einzelne Verschwörungstheorien tauchen auf. Ich frage ganz offen: Was soll der Sinn von so einem Virus sein? Außer dass es halt existiert und sich fortpflanzen will wie jede Lebensform. Alles Gerede über Strafe, über Verfehlung etc. empfinde das auch als Hohn den Opfern gegenüber.

Schauen wir uns das Wort „Sinn“ genauer an. Es kommt von einer indogermanischen Wurzel „sinu“. Das heißt wörtlich „unterwegs sein, eine Richtung einschlagen“. Von Sinn im Zusammenhang mit dem Virus zu sprechen heißt dann: Wie entscheiden wir uns angesichts der ungeheuren Veränderungen, die vor ein paar Wochen noch keiner für möglich gehalten hat? Welche Richtung schlagen wir ein? Als Gesellschaft? Als Weltgemeinschaft? Als Einzelne? Lernen wir daraus? Sind wir wieder bereit mehr für unser Gesundheitssystem auszugeben anstatt es kaputt zu sparen? Sind wir bereit wichtige Dinge wieder bei uns zu produzieren statt sie ins weit entfernte Ausland zu verlagern, um zu sparen? Sind wir bereit umzulernen, dass Gewinnmaximierung nicht das wichtigste Ziel sein kann? Sind wir bereit mit unseren Nachbarn enger zusammenzuarbeiten? Das Virus scheint da schlauer zu sein. Es kennt keine Grenzen. Akzeptieren wir die Tatsache, dass wir alle grundlegend miteinander verbunden sind? Oder rennen wir weiter dagegen an?
In diesem Sinne bin ich bereit von Sinn zu sprechen: Welche Richtung schlagen wir jetzt ein? In welche Richtung geht es jetzt weiter? Und wie schaffen wir das als Gesellschaft zu gestalten bei langfristiger Beibehaltung von Freiheit und Demokratie.

Karfreitag ist ohne Ostern nicht vorstellbar. Wir feiern am Sonntag das Licht, das alles überstrahlt. Sie können gerne die Emmausgeschichte in der Bibel weiterlesen. Ein Satz lautet. „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget.“ Es ist ein Wunsch, ein Gebet. Und auch ein Zeichen des Vertrauens.

In einem Gedicht schreibt Dietrich Bonhoeffer kurz vor seinem Tod:
„Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

In Verbundenheit!
Burkard Zill

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